Psychotherapeutische Praxis für Kinder und Jugendliche
Hans-W Saloga

 

"Ein junger Mensch braucht unsere Unterstützung am meisten, wenn er sie am wenigsten verdient!" (E. Brombeck)

Über meine Arbeit

 

 

Es ist die Beziehung die heilt!  (R. Ekstein)

 

Es gibt in Tolkiens "Herr der Ringe" im ersten Band eine Stelle, die mir sehr gut auf meine Arbeit zu passen scheint. Es sind die Worte, die die Elbenkönigin Galadriel an Frodo richtet bevor sie ihn in ihren Spiegel blicken lässt:

 

 
   "Viele Dinge zu enthüllen kann ich dem Spiegel befehlen und manchen kann ich zeigen, was sie zu sehen verlangen.
    Doch wird der Spiegel auch nicht erbetene Dinge zeigen - und diese sind oft merkwürdiger und  nützlicher als jene Dinge,
    die zu erblicken wir uns   wünschen.
    Was Du sehen wirst, kann ich nicht sagen. Der Spiegel zeigt Dinge, die waren und Dinge, die sind und Dinge, die noch sein mögen.
    Ich rate Dir weder zu noch ab. Ich bin kein Ratgeber. Du magst etwas lernen, und ob das, was  Du siehst, nun schön oder schlecht ist,
    es mag nützlich   sein oder auch nicht.
    Sehen ist sowohl gut als auch gefährlich. Und dennoch  glaube ich, dass Du genug Mut und Weisheit für das Wagnis hast,
    denn sonst wärest Du nicht hier."

 

 

Erkennen wir nicht unsere eigenen Worte, wie wir unseren Patienten deutlich zu machen versuchen, was Therapie ist?

Ist nicht die therapeutische Arbeit immer auch eine Reise, eine Reise zum Patienten, auf seine Ebene, eine Reise in sein Inneres, nicht selten auch eine Reise in unser Inneres?

"Meine Sprache bin ich" - dieser Satz könnte über den speziellen Interessensgebieten meiner Arbeit stehen. Die "Sprache" junger Menschen, d.h. ihr spezielles Ausdrucksmittel zu verstehen und so einen Weg zu ihnen zu finden, ist, angeregt durch meinen Lehrer Rudolf Ekstein, zu einer immer wieder neuen Herausforderung geworden

Ich arbeite zu einem Teil mit Kindern und Jugendlichen mit dissozialen und/oder delinquenten "Störungen", wobei der Ausdruck "Störungen" eigentlich falsch gewählt ist. Diese Kinder/Jugendlichen haben keine Störungen, sondern reagieren auf Traumata oder Umweltbedingungen (Familie, Soziale Gegebenheiten) mit entsprechendem Verhalten. 
Ich versuche, sie auf ihrer Ebene zu treffen, statt sie sofort auf meine Ebene zu zwingen. So werden sie eine Weile auf ihrem Weg begleitet, bis wir die "Abzweigung" zur eigentlichen Therapie finden. Agieren als Mittel des Ausdrucks innerer Konflikte!
Antisoziale Tendenz und dissoziales Verhalten sind als Zeichen der Hoffnung der Betroffenen zu verstehen. Sie haben sich noch nicht aufgegeben - darum sollten wir es auch nicht tun!
In diesem Zusammenhang arbeite ich in meiner Zweitpraxis einmal in der Woche in Zusammenarbeit mit der Sozialtherapeutischen Einrichtung "Lichtblick" mit Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen und schwächsten Lebensbereichen.

Die Notwendigkeit einer Arbeit mit ihnen lässt sich einfach und prägnant formulieren: Sie ist immer dann indiziert, wenn alles andere nicht mehr hilft. Der Psychotherapeut steht hier, so könnte man sagen, von vornherein auf verlorenem Posten, und das ist der beste Platz, den es gibt, denn hier gibt es nichts mehr zu verlieren, vielleicht aber doch noch etwas zu gewinnen. Er kann gar nicht scheitern, weil alle anderen schon gescheitert sind, und natürlich kann er auch nichts versprechen. Das einzige, was er in die Waagschale werfen kann, ist seine Bereitschaft, es mit den schwierigsten Fällen aufzunehmen und dabei an dem Glauben daran festzuhalten, dass auch in diesen Fällen Entwicklungen möglich sind. Er kann und braucht keinen Erfolg zu garantieren, seine Arbeit ist, nicht immer, aber in vielen Fällen, ein letzter Versuch. Wohin dieser Versuch führen wird, ist nicht vorauszusehen. Leicht vorauszusehen ist aber, wie es weitergehen wird, wenn dieser Versuch nicht unternommen wird oder scheitert. Das Ziel dieser psychotherapeutischen Arbeit kann darum nur negativ bestimmt werden: Sie ist der oft unmöglich und aussichtslos erscheinende Versuch, das Voraussehbare doch noch abzuwenden.  (zit. n. A. Perner, 2010)

Ein zweiter Bereich ist die therapeutische Arbeit mit jungen Menschen mit eigenen schweren (chronischen) Erkrankungen oder solchen in der Familie - Elten/Geschwister. Ihnen die Möglichkeit zu geben, einen Weg zu finden, um zu leben bzw weiterzuleben, Sprache für das Unaussprechliche zu finden, gleich welcher Art, sie im Sterben bzw bei Eltern/Geschwistern darüber hinaus zu begleiten, ist für mich zu einer weiteren Aufgabe in meiner Arbeit geworden.

Seit etwa 15 Jahren beschäftige ich mich - anfangs mehr als "Hobby", dann intensiver und mit Patienten - mit den Kindern und Jugendlichen, die scheinbar "aus der Welt gefallen" sind. In einem Telepolis-Artikel heisst es über sie: "Seit langem schon leben Ausserirdische auf dieser Erde, und gegenwärtig treffen sie Vorbereitungen, die Macht zu übernehmen. Sie sind eher bleich als grün und ihre Antennen bleiben für die Anderen meist unsichtbar. Oft werden sie, wenn sie aus ihren Höhlen kommen, als unbeholfen verlacht. Obwohl ein paar von ihnen Köpfe auf den Schultern tragen, die das Leben auf der Erde vollkommen verändert haben und noch mehr verändern werden."
Ein Jugendlicher hat kürzlich seine Situation so beschrieben: "Viele schwimmen mit dem Fluß, einige schwimmen gegen den Fluß, ich steh im Wald und suche den Fluß, aber ich gehe lieber - und die Anderen denken doch tatsächlich, dass ich die Absonderheit bin..." 
Es geht nicht darum, eine diagnostische Kategorie zu finden, nur abzustempeln oder mit den Aufklebern "Asperger" oder "Autismus" zu versehen -  es geht darum, zu verstehen. Nicht mehr und nicht weniger. Manchmal machen sie es mir leicht, oft aber wird allerhand Symbol- und Interpretationssprache verwendet, reizvoll, spannend. Es bereitet viel Freude, mit ihnen zu arbeiten.

 

Aber stellt sich uns nicht heute auch die Frage: Ist Psychoanalyse/Tiefenpsychologie für junge Menschen noch zeitgemäß? Sollten ältere Psychoanalytiker aufhören, mit jungen Menschen zu arbeiten, weil sie die ja doch nicht verstehen? 

Wie „krank“ ist unsere junge Gesellschaft und braucht sie zur „Genesung“ uns Psychoanalytiker? Und können wir über die eigentliche Krankenbehandlung hinaus jungen Menschen noch etwas mitgeben?

Ist der Satz von A. Freud aus einem Brief an Aichhorn (1946) "Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit der Gedanken wohnt" auch eine Aufforderung, mit jungen Menschen an dieser Freiheit der Gedanken und Toleranz zu arbeiten? Ist es, besonders in der Arbeit mit jungen Menschen, immer sinnvoll, sich auf Neurotisches zurückzuziehen und den Rest der Welt auszusparen?

 

"Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche", diese Worte stammen von Ernesto "Che" Guevara und nur ein Revolutionär wie er kann wohl so etwas mit Überzeugung sagen. Trotzdem ist dieser Satz mir sozusagen zu einem Leitmotiv geworden. Die Therapie mit Kindern und Jugendlichen ist in ihrer sich ständig wechselnden Entwicklung wie ein "Aufspringen auf einen fahrenden Schnellzug". Realistisch betrachtet, etwas Unmögliches! Und trotzdem macht gerade das einen Teil des Reizes unserer Arbeit aus.